Nun die Festivalwoche hinter uns liegt und die vielen Eindrücke der vergangenen Tage sacken konnten, wird es Zeit für einen abschließenden Blick auf Sanremo 2021 und all seine Höhe- und Tiefpunkte.

(Credits: Rai)

Die Pandemie konnte das Festival trotz vieler kurzfristiger Umdisponierungen gut meistern, von der italienischen Veranstaltungsbranche wird es nun als positives Beispiel für sichere Events gehandelt. Das Fehlen des Publikums und des zentralen Presseraums war für das Fernsehpublikum kaum zu bemerken. Das fehlende Dopofestival im Anschluss an jeden Abend wurde teilweise durch noch längere Shows kompensiert. Und nach dem Coronafall im Team von Irama wurden die Regeln flexibel angepasst, um eine Disqualifikation zu vermeiden. Die weitestgehende Abwesenheit internationaler Gäste fühlte sich auch nicht wie ein Verlust an.

Das Gesamtprogramm litt, wie leicht vorherzusagen war, an der übertrieben hohen Teilnehmerzahl: Die Forderung nach einer Höchstzahl von 20 Beiträgen in der Hauptkategorie, die von Journalisten schon lange geäußert wird, ist sicherlich unterstützenswert. Außerdem wurde Amadeus als künstlerischem Leiter wie schon im Vorjahr vorgeworfen, dass das Programm keinem roten Faden folgte und lediglich eine lose Aneinanderreihung von zusammenhangslosen Auftritten sei. Das ist zwar nachvollziehbar, aber in meinen Augen unterscheidet das Amadeus nicht von seinen Vorgängern, die mit Sicherheit keine radikal andere Herangehensweise an die Veranstaltung hatten.

Amadeus, Moderator und künstlerischer Leiter (Credits: Ufficio Stampa Rai)

Zu den Höhepunkten dieses Jahres gehört der Auftritt Diodatos am ersten Abend – es wäre eine gute Idee, dem Vorjahressieger grundsätzlich die Möglichkeit zu geben, das Festival zu eröffnen. Weitere bemerkenswerte Gastauftritte kamen von Laura Pausini, Elodie, Negramaro, Mahmood und Ornella Vanoni. Eher negativ fiel hingegen die Beteiligung Zlatan Ibrahimovićs auf, der viel zu oft fehl am Platz wirkte, und auch der sichtbare Playback-Einsatz bei einigen Gastauftritten (vor allem von Loredana Bertè) und diverse technische Aussetzer (speziell am dritten Abend) störten die Show. Die äußerst passive Rolle der „Komoderatorinnen“ neben dem Duo Amadeus–Fiorello warf ebenfalls ein eher schlechtes Licht auf die Veranstaltung.

Ambivalent würde ich die Beteiligung Achille Lauros beurteilen. Seine gewagten Auftritte fielen auf und waren auch relativ abwechslungsreich. Am gelungensten war Penelope am dritten Abend. Doch eine echte Steigerung gegenüber seinen beiden Sanremo-Beiträgen 2019 und 2020 ließ sich nicht feststellen: Wechselnde, nicht-genderkonforme Kostümierungen, den Kuss mit seinem Produzenten und das Spiel mit den Genres gab es alles schon vorher. Dass die Auftritte an jedem Abend zu einem anderen Zeitpunkt und völlig ohne Kontext eingeschoben wurden, half auch nicht weiter. Wie ich schon nach dem vierten Abend schrieb, hat Achille Lauro diesmal den Camp- und Provokations-Bedarf des Sanremo-Festivals für mehrere Jahre abgedeckt.

Eine positive Entwicklung ist mit Sicherheit die immer größere Sichtbarkeit queerer Persönlichkeiten auf der Bühne des Ariston-Theaters, was angesichts der Massenwirkung des Festivals Italien nur gut tun kann. Dies äußerte sich in dezenten Regenbogenaccessoires, in mehr oder weniger auffälligen genderfluiden Outfits wie bei Michele Bravi und bei Mahmood, in Auftritten von Amadeus und Fiorello in Frauenrollen und natürlich auch in den übertriebenen Provokationen Achille Lauros. Vorprogrammierte feindselige Reaktionen aus der reaktionären Ecke, etwa durch Lega-Senator Simone Pillon, unterstreichen die dringende Notwendigkeit von mehr Queerness im italienischen Fernsehen.

Größere Skandale blieben in diesem Jahr aus. Der Fall Irama konnte unproblematisch gelöst werden, der anfängliche Plagiatsvorwurf gegen das spätere Siegerlied wurde sehr schnell entkräftet und große Diskrepanzen zwischen den verschiedenen Abstimmungen gab es auch nicht. Dies in Zusammenhang mit dem Ausnahmezustand der Pandemie macht es schwer, den doch deutlichen Rückgang der Einschaltquoten in diesem Jahr abschließend zu beurteilen. Im Streaming und in sozialen Netzwerken erzielte das Festival auf jeden Fall beeindruckende neue Rekorde. Amadeus hat sich nichts vorzuwerfen, hat aber dennoch erklärt, das Festival 2022 nicht mehr zu übernehmen. Die Frage der Moderationsnachfolge wird sicherlich spannend.

Måneskin, Sanremo-Sieger 2021 (Credits: Måneskin, CC BY-SA 4.0)

Zum nicht unbedingt überraschenden, aber zufriedenstellenden Ausgang des Wettbewerbs ist schon alles gesagt. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob die Musik aus dem Festival 2021 einen bleibenden Eindruck hinterlassen kann (ich würde davon ausgehen). Und auch der Eurovision Song Contest wird im Mai wieder eine Rolle als erweitertes Schaufenster spielen können (die Chancen von Måneskin werden allgemein als relativ gut bewertet).

Alles in allem also nichts Neues, Sanremo 2021 reiht sich allen Widrigkeiten zum Trotz nahtlos in die Geschichte des ältesten Popmusikwettbewerbs Europas ein und konnte seinem Publikum ungeachtet diverser weniger gelungener Momente fünf unterhaltsame Abende voll interessanter neuer Musik schenken.

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