Die Sanremo-Woche 2022 liegt hinter uns. Das Festival hinterlässt fast ausschließlich positive Erinnerungen und übertraf alle Erwartungen. Ein Rückblick.

Eigentlich wollte Amadeus nach 2021 die Leitung und Moderation des Sanremo-Festivals abgeben. Doch bald zeichnete sich ab, dass er zurückkehren würde. Über den Erfolg der Ausgabe 2021 war man sich in der Presse nicht einig: Die Einschaltquoten waren deutlich zurückgegangen, aber gleichzeitig war das Online-Engagement und der Erfolg der Musik massiv gestiegen. Rückblickend kann der Rückgang der Zuschauer:innenzahlen wohl tatsächlich auf die Pandemie geschoben werden; so, wie der durchschlagende Erfolg 2022 sicherlich mit dem allgemeinen Gefühl des Hinter-sich-Lassens der Pandemie verbunden ist.

Moderator Amadeus zeigt in die Kamera
Amadeus (Credits: Ufficio Stampa Rai)

Amadeus blieb also, und er wuchs in seiner Rolle noch einmal. 2020 hatte er sich noch diverse Fauxpas geleistet (fai danni da ottobre, meinte Fiorello damals) und 2021 hatte er mit den Einschränkungen der Pandemie zu kämpfen. Doch 2022, wohl auch bestärkt durch den internationalen Erfolg von Måneskin, ging er mit großem Selbstvertrauen an das Festival heran und übertraf wohl auch die eigenen Erwartungen. Er war während der Veranstaltung immer zur Stelle, selbst wenn nur ein Mikrofon fehlte, ließ sich von Gästen zum Zeichnen oder zum Rappen einspannen und ging mit allen Teilnehmenden ungewohnt vertraulich um. Überraschend war auch, dass er sich diesmal meistens an einen relativ straffen Zeitplan hielt; das Finale etwa hatte er in gerade einmal vier Stunden durch.

Der Wegfall der Newcomer-Kategorie war während des Festivals kein Thema mehr und könnte fortan im Sinn eines kompakteren Festivalprogramms wohl bestehen bleiben. Die Teilnehmendenzahl von 25 funktionierte ziemlich gut. Das stellt allerdings den Sinn der langwierigen Auswahlprozesse Sanremo Giovani und Area Sanremo in Frage; außerdem überzeugte das Abschneiden der drei Newcomer im Festival (25., 21. und 11.) nicht wirklich. Vermutlich wird Amadeus (so er weitermacht) darüber noch ausführliche Diskussionen mit Vertreter:innen der Musikindustrie haben. Gerade mit Blick auf den anhaltenden Erfolg der Goldenen Generation sollte die Nachwuchsförderung nicht Showbedürfnissen untergeordnet werden.

Die Gästeliste in diesem Jahr blieb übersichtlich und mehr oder weniger auf Italien beschränkt. Måneskin, Laura Pausini, Cesare Cremonini und Marco Mengoni waren eine durchwegs gute Wahl; Jovanottis Überraschungsauftritt am vierten Abend war ebenfalls ein Highlight (wenn auch aus Wettbewerbssicht problematisch). Fiorello am Eröffnungsabend erfüllte seine Rolle als Überleitung zur ersten alleinigen Moderation von Amadeus. Ein wenig wie ein Fremdkörper fühlte sich der ernste Monolog Roberto Savianos an, doch machte er auf jeden Fall Eindruck. Am schlechtesten schien Checco Zalone als Gast zu funktionieren, zu unklar war seine Rolle.

Fraglich bleibt weiterhin, welchen Sinn Komoderatorinnen haben, wenn sie nur an einem Abend und auch dann nur mit minimaler Screentime im Einsatz sind. Spätestens jetzt sollte deutlich sein, dass Amadeus die Moderation sowieso im Alleingang stemmt, auch erfahrene Persönlichkeiten wie Drusilla Foer oder Sabrina Ferilli wirkten neben ihm mehr wie Gäste. Ehrlicherweise sollte Amadeus, sollte er erneut die Moderation übernehmen, künftig einfach einen weiblichen Dauergast (vom Format einer Sabrina Ferilli) für die Dauer des Festivals verpflichten und auf das Branding Komoderatorin verzichten.

Amadeus und Maria Chiara Giannetta stehen eng nebeneinander und lächeln in die Kamera
Amadeus und Komoderatorin Maria Chiara Giannetta (Credits: Ufficio Stampa Rai)

Zu kritisieren bleibt das unverständliche Abstimmungssystem, das auch die Verantwortlichen bei den Pressekonferenzen nicht überzeugend verteidigen konnte. Der starke Televoting-Vorteil und die ungeschickt konzipierten Zwischenrankings (die das Endergebnis schon sehr früh erahnen ließen) nahmen dem Wettbewerb an Spannung. In meinen Augen müsste der Cover-Abend außer Konkurrenz laufen, außerdem sollte das Televoting wieder auf ein akzeptables Niveau gebracht werden (maximal ein Drittel) und die Zwischenergebnisse dürften nicht vollständig veröffentlicht werden. Es bleibt zu hoffen, dass nach dem Erfolg dieser Ausgabe nicht einfach die aktuellen Regeln komplett beibehalten werden.

Im Teilnehmendenfeld setzte sich der Trend fort, queere und feministische Elemente deutlicher zur Schau zu stellen, etwa bei Mahmood & Blanco, Emma, Michele Bravi und Achille Lauro. Amadeus sprach das Thema auch selbst deutlich an und ermutigte alle Teilnehmenden, sich respektvoll, aber frei und selbstbewusst mit all ihren Eigenheiten zu präsentieren (Drusilla Foer gab mit ihrem Monolog zur Einzigartigkeit ebenfalls Gedankenanstöße). Auch weitere gesellschaftsrelevante Themen fanden beim Festival ihren Platz, vor allem Cybermobbing wurde viel Platz eingeräumt.

Amadeus, Blanco und Mahmood stehen auf der Bühne des Ariston-Theaters, Blanco hält den Preis des Sanremo-Festivals
Amadeus mit Blanco und Mahmood nach ihrem Sieg (Credits: La Presse)

Ein Sanremo-Festival der Superlative also, ein gesellschaftliches Aufatmen nach Jahren der Pandemie, ganz ohne die in der Vergangenheit unvermeidlichen Kontroversen und Skandale, und eine hundertprozentige Bestätigung für Amadeus. Die Musik funktioniert und spiegelt den italienischen Musikmarkt von seiner besten Seite wider. Der klare Konsens von Publikum und Jurys in der Endrunde des Finales bei der Kür des Siegerbeitrags Brividi war ein wunderschönes Signal und ist auch ein guter Ausgangspunkt für den Eurovision Song Contest in Turin.

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