Die variablen Abstimmungsmechanismen beim Sanremo-Festival sorgen regelmäßig für Kontroversen. Welcher Einfluss kommt dabei dem Televoting zu?

Die Regeln des Sanremo-Festivals ändern sich jedes Jahr, und fast jedes Jahr verändert sich dabei auch der Abstimmungsmechanismus. Jurys werden neu zusammengesetzt oder ausgetauscht, die Zahlenverhältnisse der Stimmenanteile werden geändert und die Anzahl der relevanten Abstimmungsrunden ist ebenfalls variabel. Beinahe jedes Jahr gibt es nach dem Finale lange Diskussionen darüber, welchen Einfluss der Abstimmungsmechanismus auf das Endergebnis hatte und was daran verbessert werden könnte.

Proteste des Saalpublikums gegen das Abstimmungsergebnis im Finale 2019

In diesem Jahr wird sich die Finalwertung am fünften Abend folgendermaßen zusammensetzen: 25 % Gewicht haben die Stimmen der Pressejurys aus den ersten beiden Abenden; weitere 25 % ergeben sich aus den Stimmen des dritten Abends (zur Hälfte die demoskopische Jury, zur Hälfte Televoting); die 25 % aus dem vierten Abend werden aus den Stimmen von Pressejurys, demoskopischer Jury und Televoting gebildet; die finalen 25 % des fünften Abends hingegen sind reines Televoting. Damit ergibt sich ein Gesamteinfluss von 46 % Televoting, 33,25 % Pressejurys und 20,75 % demoskopische Jury auf die Finalwertung. In der Endrunde der besten drei sind es schließlich 34 % Televoting und je 33 % Jurys.

Das Televoting wurde in Sanremo 2004 eingeführt, nachdem zuvor im Lauf der Jahre verschiedenste Jury-Modelle sowie eine Publikumsabstimmung über den Postweg ausprobiert worden waren. Der Einfluss auf das Gesamtergebnis schwankte zunächst stark. Nachdem 2009 und 2010 mit reinem Televoting im Finale zweimal in Folge unter viel Kritik Castingshow-Abgänger gewonnen hatten (und der Prinz von Savoyen unter noch mehr Protest in die Endrunde eingezogen war), nahm der Einfluss der Jurys (insbesondere der Pressejury) ab 2011 wieder deutlich zu.

Liniendiagramm, das den Verlauf des Televoting-Anteils in der Finalwertung und in der Endrunde des Sanremo-Festivals von 2013 bis 2022 zeigt
Der Televoting-Anteil an der Gesamtwertung in den letzten zehn Jahren

2011 und 2012 war zunächst noch die Endrunde der besten drei zu 100 % dem Televoting vorbehalten. 2013 und 2014 war der Einfluss des Televoting auf die Gesamtwertung schon auf 50 % geschrumpft. 2015 bis 2017 sank der Televoting-Anteil noch einmal auf 40 %. In den Jahren 2018 und 2019 wurde die Finalwertung zu 45 % durch Televoting bestimmt, die Endrunde zu 47,5 %. 2020 erreichte der Einfluss des Televoting seinen Tiefpunkt: Gerade einmal 8,5 % der Gesamtwertung basierten auf Televoting, in der Endrunde immerhin wieder 34 %. 2021 betrug der Einfluss 25 % im Finale und 34 % in der Endrunde.

Moderator Amadeus zeigt in die Kamera
Amadeus (Credits: Ufficio Stampa Rai)

Während also seit der Übernahme des Festivals durch Amadeus die Endrunde durchgehend zu 34 % vom Televoting beeinflusst wird, kam es in der Finalwertung (durch die erst eine Qualifikation für die Endrunde möglich ist) zu einem rapiden Anstieg des Televoting-Anteils: 8,5 %, 25 % und nun 46 %. Damit ist das Niveau der Baglioni-Jahre wieder erreicht, mit dem Unterschied, dass dort im Finale eine Expertenjury an die Stelle der (eigentlich eher dem Televoting näherstehenden) demoskopischen Jury trat.

Angesichts des großen Erfolgs des Vorjahres ist es fraglich, warum Amadeus das Televoting erneut derart gestärkt hat. Nach dem Wegfall der Orchesterjury hätte es eine leichte Erhöhung auf ein Drittel der Stimmen auch getan. Aber man wird erst nach dem Finale beurteilen können, ob die Zahlenspielerei einen relevanten Einfluss auf das Ergebnis haben wird.

3 Gedanken zu „Der Einfluss des Televoting“

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