Nun der ESC 2022 in Italien stattfindet, werden immer wieder Stimmen laut, doch nach dem Vorbild des Sanremo-Festivals endlich zu einer kompletten Liveperformance der Beiträge zurückzukehren. Die Frage nach der Zulässigkeit von Playback war aber auch in Sanremo lange eine kontroverse.

Zu Beginn war es unumstritten, dass Beiträge beim Sanremo-Festival vollständig live interpretiert werden mussten. Das Orchester war von Anfang an fester Bestandteil des Festivals, lange gab es sogar zwei getrennte Orchester (später wechselten nur noch die Dirigenten). Erstmals auf Playback zurückgegriffen wurde 1964, als Bobby Solo aufgrund einer Rachenentzündung nicht live singen konnte; in der Folge lief sein Beitrag Una lacrima sul viso aber nur noch außer Konkurrenz.

Peppino di Capri mit Non lo faccio più beim Sanremo-Festival 1976, der erste Sieg eines Liedes in Halbplayback

1976 experimentierte man unter Organisator Vittorio Salvetti erstmals mit Halbplayback: Zwar war noch ein Orchester anwesend, dieses spielte jedoch lediglich Instrumentalversionen der Beiträge in der Wiederholung, während die Sänger die Lieder zu einer aufgenommenen Tonspur sangen. 1980 wurde das Orchester schließlich ganz gestrichen (Organisator Gianni Ravera begründete dies mit dem zu großen Aufwand) und Halbplayback wurde die Regel. Gleichzeitig übten die italienischen Plattenlabels zunehmend Druck auf die Festivalleitung aus, um Vollplayback zuzulassen – Sanremo sollte in erster Linie als Werbeplattform für die Endprodukte der Musikindustrie fungieren.

Im Jahr 1983 gab es zwar bereits Rufe nach der Rückkehr des Orchesters (etwa durch Franco Battiato und Claudio Villa), doch gab Gianni Ravera nun den Labels nach und erklärte auch Vollplayback für zulässig, noch auf freiwilliger Basis. Ein Liveorchester hielt er zum damaligen Zeitpunkt für praktisch unbezahlbar. Diese Entscheidung bereitete den Weg für zwei Jahre im Vollplayback. Beppe Grillo kommentierte dazu 1984, dass mittlerweile statt 40 Musikern auf der Bühne 40 Tontechniker hinter der Bühne tätig seien. Da die Playback-Regel auch für musikalische Gäste galt, gibt es von 1984 eine skurrile Aufnahme des Auftritts von Queen mit Radio Ga Ga, bei dem Freddie Mercury sich nicht die geringste Mühe gibt, das Playback zu verbergen.

Playback-Auftritt von Queen beim Sanremo-Festival 1984, eingeführt von Beppe Grillo und Pippo Baudo

Schon 1986 war Vollplayback wieder Geschichte. Laut Pippo Baudo war es Claudio Baglioni, der dazu den Ausschlag gab: Baglioni war 1985 als Gast aufgetreten und hatte es sich nicht nehmen lassen, live zu singen und sich selbst am Klavier zu begleiten. Es folgten vier Jahre im Halbplayback, sehr zum Missfallen der Plattenlabels, und auch Ausnahmen aus gesundheitlichen Gründen (wie 1989 von Dori Ghezzi gewünscht) wurden nicht gewährt. 1989 handelte Gino Paoli aus, im Finale mit seiner Band vollständig live auftreten zu dürfen, wenn auch erst nach Ende der Abstimmung. Damit war es besiegelt: 1990 kehrte endlich das Festivalorchester zurück.

Peppe Vessicchio, der Dirigent mit den bislang meisten Einsätzen beim Sanremo-Festival (Credits: Danila D’Amico, CC BY-SA 2.0)

Die Playback-Ära blieb eine kurze Phase in der Geschichte des Sanremo-Festivals, die zwar einige bedeutende Erfolge hervorbrachte, sich aber in der Gesamtschau nur schwer mit dem eigentlichen Charakter der Veranstaltung in Einklang bringen lässt. Playback blieb seitdem für Beiträge im Wettbewerb verpönt und wirkt auch bei Gästen (etwa Ricchi e Poveri 2020 oder Loredana Bertè 2021) meist ziemlich fehl am Platz. Und was wäre das Festival heutzutage ohne die legendäre Einführung Dirige l’orchestra… und all die Dirigenten, die oft bekannter als die Sänger sind?

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