Für den Eurovision Song Contest müssen Sanremo-Beiträge oft nachträglich gekürzt werden, auch Brividi ist betroffen. Doch die Länge der Lieder ist auch beim Sanremo-Festival ein Thema.

Dass beim Eurovision Song Contest die berüchtigte 3-Minuten-Regel für teilnehmende Lieder gilt, geht bekanntlich auf einen Sanremo-Beitrag zurück. 1957 gewannen Claudio Villa und Nunzio Gallo mit Corde della mia chitarra das Festival und Gallo präsentierte das Lied im Anschluss beim ESC in Frankfurt. Mit einer stolzen Dauer von 5 Minuten und 9 Sekunden stellte es dort den Rekord für das längste Lied auf, was zu Protesten führte. Danach wurde für alle ESC-Beiträge eine maximale Länge von 3 Minuten vorgegeben.

Schwarz-weiß-Foto von Nunzio Gallo in Anzug mit Fliege vor einem Standmikrofon, im Hintergrund ist Publikum zu sehen.
Nunzio Gallo, Interpret des längsten Liedes aller Zeiten beim ESC

Ob es damals auch für das Sanremo-Festival schon klare Vorgaben bezüglich der Liedlänge gab, lässt sich schwer feststellen. Vermutlich wurden die Auswahlkriterien der Festivalorganisation nur intern abgesprochen und mit den beteiligten Labels ausgehandelt. Zweifellos waren viele, wenn nicht die meisten Sanremo-Beiträge deutlich länger als 3 Minuten. Domenico Modugnos Welthit Nel blu dipinto di blu (1958) etwa kam auf 3:49, …e dirsi ciao von Matia Bazar (1978) auf 4:48. Allerdings war es immer schon üblich, dass verschiedene Versionen und Arrangements der Lieder im Umlauf waren, die auch unterschiedlich lang sein konnten.

In späteren Jahren wurde das öffentliche Regelwerk des Sanremo-Festivals immer ausführlicher, wodurch auch Vorgaben zur Liedlänge zum Standard wurden. Für die 2000er-Jahre lässt sich damit eine interessante Entwicklung wiedergeben. Ab mindestens 2002 galt eine maximale Länge von 4 Minuten. 2005 führte Paolo Bonolis neben einer Vielzahl anderer Neuerungen auch eine maximale Länge von 3:30 ein. Diese stieg 2007 mit der Rückkehr Pippo Baudos leicht auf 3:40. 2013 ging Fabio Fazio wieder zurück auf 3:30, wohl mit Blick auf die doppelte Anzahl an Liedern, die er im Wettbewerb haben wollte.

Am weitesten in Richtung ESC rückte schließlich Carlo Conti. Er behielt in seinen drei Festivals nicht nur das 3:30-Limit für die Hauptkategorie bei (obwohl er ansonsten viele frühere Neuerungen rückgängig machte), sondern liebäugelte auch sichtlich mit den 3 Minuten: 2015 galt dieses Limit für alle Coverversionen, 2016 und 2017 zusätzlich für die Beiträge der Newcomer-Kategorie. Die Goldene Generation war also bereits in Sanremo der 3-Minuten-Regel unterworfen! Nach Conti war damit jedoch Schluss: Claudio Baglioni kehrte für alle Beiträge zu den 4 Minuten zurück und Amadeus hielt daran fest.

Wie immer muss man sich aber auch die Frage stellen, wie genau diese Regel in Sanremo genommen wird bzw. wurde. Wenn man nur die Siegerbeiträge 2002–2022 betrachtet, fällt auf, dass zwölf davon die vorgegebene Länge überschreiten, davon fünf um mehr als zehn Sekunden. Am eklatantesten ist Sanremo 2011, wo Roberto Vecchioni mit dem 4:14-langen Chiamami ancora amore gewann, obwohl 3:40 das Limit gewesen wäre. Auch Un giorno mi dirai von Stadio überschritt 2016 mit 4:04 deutlich die 3:30. Alle Siegerbeiträge ab 2007 und bis zur Wiedereinführung der 4 Minuten 2018 sind länger als die vorgegebene Dauer.

Liniendiagramm zum Vergleich der Längen der Sanremo-Siegerbeiträge, der maximalen Liedlänge in Sanremo und beim ESC seit 2002.
Die Liedlängen seit 2002

Es ist erfreulich, dass sich der Trend der Verkürzung der Liedlänge in Sanremo nicht fortgesetzt hat. 4 Minuten dürften mit Blick auf aktuelle musikalische Trends in Italien mehr als genug Freiraum für Songwriter:innen und Interpret:innen bieten. Und wenn die Vorgabe weiterhin so locker gehandhabt wird (die Zulassung von Daniele Silvestris Argentovivo 2019 deutet darauf hin), braucht sich niemand Sorgen zu machen. Es ist an der Zeit, dass jetzt umgekehrt der ESC in Richtung Sanremo rückt: 3:30 wären ein guter Anfang.

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