Kurz schien es so, als könnte Gianni Morandis diesjähriger Sanremo-Beitrag Apri tutte le porte noch vor Beginn des Festivals disqualifiziert werden. Ein kurzer Blick auf die Hintergründe.

Gianni Morandi steht 2016 mit Gitarre vor einem Ständermikrofon auf der Bühne der Arena von Verona
Gianni Morandi 2016 (Credits: Raphael Mair, CC BY-SA 4.0)

Die Regeln des Sanremo-Festivals sehen vor, dass die Lieder im Hauptwettbewerb erst im Moment ihrer ersten Aufführung (am ersten oder zweiten Abend des Festivals) veröffentlicht werden dürfen. Ursprünglich forderte man, dass die Lieder unveröffentlicht (inedite) sein müssten, mittlerweile hingegen verlangen die Regeln, dass sie neu (nuove) sein müssten. Das bedeutet im Detail, dass Musik und Text des Liedes noch keinem Publikum zugänglich gemacht werden durften. Explizit nicht als Verletzung dieser Regel nennt das aktuell geltende Regelwerk Auftritte im privaten Umfeld des/der Interpret:in oder innerhalb des Musiklabels ohne kommerziellen Charakter.

Der kleine Skandal, den Gianni Morandi diese Woche verursachte, drehte sich um ein Video, das der Sänger am Dienstag auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht hatte: Darin sprach er mit dem Produzenten Mousse T. über sein Sanremo-Lied Apri tutte le porte (geschrieben von Jovanotti), während im Hintergrund Teile des Liedes zu hören waren. Morandi entfernte das Video rasch wieder, es konnte sich aber online bereits verbreiten. Amadeus als künstlerischer Leiter des Festivals entschied trotz dieser potentiellen Regelverletzung rasch, dass kein Grund für eine Disqualifikation gegeben sei, da es sich deutlich um ein reines Versehen handelte (ausgelöst nicht zuletzt durch Morandis Handverletzung) und das Video in dieser Form nie zur Veröffentlichung bestimmt war.

Entschuldigungspost von Gianni Morandi

Diese Entscheidung ist keine Überraschung und folgt einer Reihe von Präzedenzfällen, die sich in Sanremo seit der Digitalisierung des Musikmarktes immer wieder abspielten. Erst 2021 war Chiamami per nome von Fedez und Francesca Michielin (zweiter Platz im Finale) in der gleichen Situation, nachdem Fedez auf Instagram einen kurzen Clip veröffentlicht hatte, in dem einige Sekunden des Liedes zu hören waren. 2005 waren 30 Sekunden des Liedes A modo mio von Paola & Chiara online aufgetaucht, 2012 traf es Respirare von Gigi D’Alessio und Loredana Bertè (ein kurzer Ausschnitt war kurzzeitig auf YouTube gelandet). In der Newcomer-Kategorie 2010 war der Beitrag Dirsi che è normale von Nicolas Bonazzi Monate zuvor bereits auf MySpace aufgetaucht.

Nicht zu vergessen sind auch die Kontroversen um Che bella gente (Simone Cristicchi, Newcomer 2006), Al posto del mondo (Chiara Civello, 2012) und Non mi avete fatto niente (Ermal Meta und Fabrizio Moro, 2018): Hier handelte es sich jeweils um Lieder, die (zumindest zum Teil) in einer älteren Version bereits kurzzeitig verfügbar waren. Auch diese Lieder konnten der drohenden Disqualifikation entgehen. Allerdings verlangen die Regeln mittlerweile explizit, dass Teile aus früheren Liedern in einem neuen Sanremo-Beitrag maximal ein Fünftel ausmachen dürfen (womit Non mi avete fatto niente wohl nicht mehr zulässig wäre).

Der letzte nicht-neue disqualifizierte Beitrag

Man sieht, dass ein nachträglicher Ausschluss von einmal ausgewählten Liedern wegen Verstößen gegen die Neuheitsregel in Sanremo eher eine Ausnahme darstellt. Tatsächlich disqualifiziert wurden aus diesem Grund in jüngerer Zeit nur zwei Beiträge: 2014 Prima di andare via von Riccardo Sinigallia, der damit bereits einmal live aufgetreten war; und 2008 Musica e parole von Loredana Bertè, das 20 Jahre zuvor bereits von einer anderen Interpretin aufgenommen und veröffentlicht worden war. In beiden Jahren fiel die Regelverletzung erst im Lauf des Festivals auf.

Gianni Morandi ist der Gefahr einer Disqualifikation nun zum Glück entgangen. Und wenn man sich ansieht, wie erfolgreich die letzten Beiträge waren, die scheinbar kurz vor einem Ausschluss standen (Respirare Platz 4, Non mi avete fatto niente Platz 1, Chiamami per nome Platz 2), wird Apri tutte le porte von der Kontroverse möglicherweise noch profitieren.

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