Italien richtet gerade zum dritten Mal in der Geschichte den Eurovision Song Contest aus. Merkt man auch etwas davon?

Logo des Eurovision Song Contest Turin 2022

Die Skepsis im Vorfeld der ersten ESC-Ausrichtung Italiens seit 1991 war groß. Dies lag vor allem an den schlechten Erfahrungen, die 1991 gemacht wurden: Moderation, Technik und Veranstaltungsort sorgten damals für eine äußerst durchwachsene Veranstaltung. Und auch wenn sich einige der Befürchtungen in den letzten Wochen und Tagen tatsächlich zu erfüllen schienen – vor allem mit Blick auf die nicht ganz so funktionale Sonne auf der Bühne – gehen einige Kritiken, die mittlerweile kursieren, deutlich über die Befürchtung der Wiederholung von 1991 hinaus.

Dass das Siegerland des ESC den Wettbewerb im folgenden Jahr ausrichtet, ist seit 1958 üblich und wurde bis auf wenige Ausnahmen durchgehalten. An sich ist das eine gute Möglichkeit für ein Land, sich dem Rest Europas zu präsentieren, so wie sich Länder im ESC ja überhaupt jedes Jahr durch ihren Beitrag auf eine bestimmte Weise zu präsentieren versuchen. Doch die Anforderungen, die an die Veranstaltung aus Rücksicht auf das gesamteuropäische Publikum gestellt werden, machen es Ländern schwer, „ihren“ ESC tatsächlich individuell zu gestalten. Wenn man die jüngeren ESC-Ausgaben vergleicht, sind die meisten Elemente austauschbar, und würde der Name der ausrichtenden Stadt nicht andauernd wiederholt, wäre es für das Fernsehpublikum wohl ziemlich irrelevant, wo das Event gerade stattfindet.

Der ESC hatte es in Italien seit jeher schwer, ein Publikum zu finden und galt als schwer ans italienische Fernsehen anzupassen. Das war einer der Hauptgründe, warum Italien dem Wettbewerb so lange fernblieb. Symptomatisch dafür war, dass Raffaella Carrà den ESC 2011 nach der Rückkehr nicht in der heute üblichen Form im Hauptprogramm, sondern im Rahmen einer Talkshow auf Rai 2 kommentierte. In den vergangenen zehn Jahren wurden große Anstrengungen übernommen, das Event beim italienischen Publikum präsenter zu machen – mit Erfolg, wie die steigenden Einschaltquoten der letzten Jahre beweisen. Doch die Show ist noch immer ein Fremdkörper in der italienischen Fernsehlandschaft.

Die Einschaltquoten von ESC und Sanremo-Festival in Italien seit 1986

Dass ein großes Event wie der ESC pünktlich um 21 Uhr beginnt, ohne längliches Warmup und gesponserte Sondersendungen, ist in Italien undenkbar. Zum Vergleich: Das Sanremo-Festival beginnt üblicherweise um 21:50, nach einer halben Stunde mit Nachrichten, Interviews, Previews und Werbeblöcken. Und auch dann wird erst der Sendungsteil ab ca. 22:20 als Hauptprogramm gerechnet. Dass derlei Events gerne auch bis 2 Uhr dauern und oft noch von einer zusätzlichen Talkshow abgeschlossen werden, versteht sich von selbst. Zwar wird dieses Konzept auch in Italien schon länger als publikumsunfreundlich kritisiert, doch scheint letzten Endes niemand den Reiz der späten Abendstunden missen zu wollen.

Eine Musikshow einerseits ohne Livemusik, andererseits aber minutiös durchchoreographiert zu präsentieren, ist ebenfalls ziemlich unitalienisch. Noch mehr gilt das für die Moderationen, die in italienischen Shows normalerweise besonders dann funktionieren, wenn sie spontan und situationsbezogen sind, und nicht nach mehrfachen Gesamtproben und mit starrem Skript heruntergebetet werden. Auch ist es ungewöhnlich, wenn Gastauftritte (wie der von Diodato oder Il Volo) oder Hommagen (wie die an Raffaella Carrà) als reine Nebensächlichkeiten im Showverlauf behandelt werden (und von manchen übertragenden Sendern gar als Werbepausen benutzt werden).

Auch wenn man nicht für das gesamte italienische Publikum sprechen kann, lässt sich wohl festhalten, dass der ESC in seiner heute üblichen Form aus italienischer Perspektive zu glattpoliert, zu gastronomisch und zu unorganisch wirkt. Es scheint, dass die Rai in diesem Bewusstsein durchaus versucht hatte, zumindest die klassische Ankündigung der Beiträge durch das Moderationsteam wiedereinzuführen, was aber letztlich nicht zustande kam und die üblichen, eher lieblosen Postkarten zurückließ. Wenn sich auch ein professioneller Moderator wie Alessandro Cattelan teilweise unnötig steif anhört, wird deutlich, dass mehr Spontaneität dringend nötig wäre. Nein, dem Publikum zu erklären, dass der Bühnenumbau noch im Gange ist, ist nicht unprofessionell, sondern schafft mehr Nähe zwischen Show und Publikum.

Mika, Laura Pausini und Alessandro Cattelan stehen eng nebeneinander auf den Stufen der Bühne des Ariston-Theaters. Mika trägt einen blauen Anzug, Pausini und Cattelan sind in Schwarz gekleidet.
Mika, Laura Pausini und Alessandro Cattelan, das Moderationsteam des ESC 2022 (Credits: Ufficio Stampa Rai)

Bei der nordeuropäisch dominierten EBU ist man wohl der Meinung, dass ein gesamteuropäisches Publikum keine länderspezifischen Inputs verkraften könne. Und möglicherweise sind diese Bedenken auch berechtigt, wenn man sieht, wie gerade Teil der Fans bevorzugt Veranstaltungen außerhalb Mittel- und Nordeuropas (etwa in jüngerer Zeit Kiew oder Lissabon) kritisieren. Eine solche Haltung macht es aber speziell süd- und osteuropäischen Ländern unmöglich, sich individuell zu präsentieren und auch das „eigene“ Publikum besser einzubinden.

Zweifellos wäre es im Sinne der Vielfalt des ESC, wenn zukünftig ausrichtende Länder mehr Freiheit und Gestaltungsspielraum bekommen und somit mehr Lokalkolorit die verschiedenen Ausgaben wieder deutlich unterscheidbar macht. Es mag aber bezweifelt werden, dass die EBU aktuell eine solche Entwicklung mittragen würde.

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