Sanremo-Dominanz in den Jahrescharts
Der Blick auf die italienischen Jahrescharts 2025 zeigt erneut: Das Sanremo-Festival dominiert den Musikmarkt. Eine historische Einordnung.

Auch wenn es durch die Nicht-Teilnahme am Eurovision Song Contest 2025 vielleicht etwas untergegangen war: Der Siegersong des Sanremo-Festivals 2025 war in Italien ein massiver Hit. Balorda nostalgia wurde Ollys zweiter Nummer-eins-Hit, hielt sich neun Wochen an der Chartspitze und wurde mit Dreifachplatin ausgezeichnet. Selbst aktuell (zweite Chartwoche 2026) steht das Lied in den Singlecharts noch auf Platz 12. So kam es als keine Überraschung, dass das Lied die Spitze der Jahrescharts 2025 erreichen konnte (Olly belegte zusätzlich noch die Spitze der Album-Jahrescharts). Auch die Plätze zwei und drei gehören Sanremo-Beiträgen (La cura per me von Giorgia und Incoscienti giovani von Achille Lauro).
Damit scheint auch das Festival 2025 wieder ein relativ gutes Abbild des aktuellen Musikmarkts in Italien gegeben zu haben. Dieser Zusammenhang ist nicht selbstverständlich. Betrachtet man die Übersicht über alle Jahres-Nummer-eins-Hits in Italien seit 1960, fällt auf, dass vor Balorda nostalgia tatsächlich nur ein einziges Sanremo-Siegerlied derart erfolgreich war: Brividi von Mahmood und Blanco (2022). Für die 1950er-Jahre gibt es keine belastbaren Statistiken, allerdings kann wohl kein Zweifel daran bestehen, dass Nel blu dipinto di blu von Domenico Modugno im Jahr 1958 das erfolgreichste Lied in Italien war. Damit haben es bislang drei Sanremo-Siegerlieder (von 76) an die Spitze der Jahrescharts geschafft.
Nicht immer ist das Siegerlied des Sanremo-Festivals auch das erfolgreichste Lied des Wettbewerbs. Sowohl 2023 als auch 2024 haben Sanremo-Beiträge die Spitze der italienischen Jahrescharts erreicht: Cenere von Lazza (Platz zwei in Sanremo) bzw. Tuta gold von Mahmood (Platz sechs in Sanremo). Dieses Phänomen trat davor auch 1964, 1988, 1991 sowie 2006 auf, nämlich in folgenden Fällen: Una lacrima sul viso von Bobby Solo (Finalist), Andamento lento von Tullio De Piscopo (Platz 18 in Sanremo), Perché lo fai von Marco Masini (Platz 3 in Sanremo) bzw. Svegliarsi la mattina von Zero Assoluto (Platz 2 der Bandkategorie).


Insgesamt stand damit im Lauf der Jahre also neunmal ein Sanremo-Beitrag auf Platz eins in den italienischen Jahrescharts. Auffällig ist dabei vor allem eines: Während es (abgesehen von den recht erfolglosen 70er-Jahren) in jedem Festivaljahrzehnt genau einen solchen Fall gab, sind es seit 2022 bereits vier in Folge. Woran liegt das? Hier können zwei Punkte zur Erklärung angeführt werden.
Zum einen hat Amadeus in seiner Zeit als künstlerischer Leiter ein besonders glückliches Händchen bei der Auswahl der Sanremo-Beiträge und der Ausgestaltung des Festivals bewiesen, wodurch Sanremo einen beispiellosen Boom erlebte. Das enorm gestiegene Interesse von Öffentlichkeit und Musikindustrie gleichermaßen hat die Marktposition der Festivalbeiträge nachhaltig gestärkt. Zum anderen haben sich im Streamingzeitalter die Konsumgewohnheiten stark verändert und prägen Social-Media-Trends und virale Phänomene auch die Musikcharts. Dadurch können Songs von der multimedialen Publicity des Sanremo-Festivals mehr als je zuvor profitieren.
Es wird spannend, wie sich die Lieder aus dem Sanremo-Festival 2026 in dieser Hinsicht schlagen werden. Der Blick auf die Festivalgeschichte zeigt, dass die Popularität der Festivalbeiträge im Lauf der Jahre stark fluktuieren kann. Man sollte daher nicht davon ausgehen, dass sich die ungekannte Erfolgsserie auch in den kommenden Jahren automatisch fortsetzen wird.
