Die Wiederentdeckung der Tradition führt nach Neapel
Das Sanremo-Festival 2026 hat mit dem knappen Sieg Sal Da Vincis sein Ende gefunden. Eine unvorhersehbare Ausgabe des Festivals.
Das Sanremo-Festival 2026 hat mit dem knappen Sieg Sal Da Vincis sein Ende gefunden. Eine unvorhersehbare Ausgabe des Festivals, die sich schwer in ihrer Gesamtheit beschreiben lässt – es soll hier dennoch versucht werden.
Nach den überragenden Einschaltquoten des Vorjahres hätte es ein kleines Wunder gebraucht, den Erfolg zu wiederholen. Auch das späte Datum (aufgrund der Olympischen Winterspiele) dämpfte die Erwartungen. In der Tat lagen die Zuschauerzahlen und Quoten am Ende deutlich unter jenen von 2025: Kein Abend erreichte 70 % oder 12 Mio. Zuschauer:innen. Die Rai schien dies aber gelassen zu nehmen, da es immer noch sehr starke Werte waren und vor allem auch im Lauf des Festivals eine positive Entwicklung zu beobachten war. Es ist vor allem ein Ergebnis, das man 2027 mit etwas Glück wieder steigern kann.


Carlo Conti gab sich wie gewohnt professionell und man merkte ihm an, wie gelassen er sein fünftes und vorerst letztes Festival nahm. Laura Pausini war von Anfang an in ihrer Rolle als Komoderatorin sehr überzeugend. Man würde sich wünschen, dass sie früher oder später im Alleingang Sanremo moderieren (und idealerweise auch leiten) darf. Dafür ist Italien aber wohl noch nicht bereit und auch sie selbst schien von der Idee nicht überzeugt zu sein. Für die nahe Zukunft erübrigt sich die Spekulation aber ohnehin, da Conti am letzten Abend schon direkt Stefano De Martino als seinen Nachfolger ankündigte.
Da am Gesamtkonzept im Vergleich zum Vorjahr kaum etwas geändert wurde, gelten einige Kritiken (überflüssige Newcomer-Kategorie, zu hohe Anzahl der Teilnehmenden, zu großer Einfluss des Televotings) auch für dieses Jahr. Die Hoffnung besteht, dass sich 2027 mit einer neuen künstlerischen Leitung hier etwas zum Besseren wendet. Die wechselnden Komoderator:innen blieben wie erwartet relativ unsichtbar und hätten auch als Gäste eingeladen werden können. Speziell Irina Shayk war eine unpassende Wahl, sowohl wegen der fehlenden Italienischkenntnisse als auch wegen der politischen Implikationen (sie verweigerte einen Kommentar zum Ukrainekrieg und kam auch in den Epstein-Akten vor).
Die Nebenbühnen wurden dieses Jahr gut genutzt. Mit der Ausnahme von Pooh ließ man auf dem Suzuki Stage Vorjahresteilnehmende noch einmal Beiträge des letzten Jahres hochleben. Und Max Pezzali auf der Costa Toscana brachte endlich ein gutes Gesamtkonzept für diese schwimmende Bühne mit, die sich mit viel Abwechslung durch alle Abende zog. Dies war eine deutliche Verbesserung gegenüber den oft sehr zusammenhanglosen Auftritten in der Vergangenheit. Wenn man noch eine nachhaltigere Alternative zum Kreuzfahrtschiff finden würde, wäre alles perfekt. Angesichts des finanzkräftigen Sponsors muss das aber wohl ein frommer Wunsch bleiben.


Auch die weiteren musikalischen Gastauftritte (Tiziano Ferro, Achille Lauro, Eros Ramazzotti und Alicia Keys, Andrea Bocelli) waren gut eingebettet und eine Bereicherung. Der Duettabend funktionierte ebenfalls wieder gut. Eine Frage, die sich bei den musikalischen Gästen stellte, war, warum man gleich fünf Preise für das Lebenswerk vergeben musste. Die Empfänger:innen hatten den Preis sicherlich verdient, aber ein Preis pro Jahr (wie es meistens gehandhabt wurde) würde ihn etwas prestigeträchtiger wirken lassen. Hier wollte man wohl einfach zu viel.
Da im Vorfeld nur wenig Hype entstanden war, wohl auch wegen weniger „großer“ Namen unter den Teilnehmenden, ergaben sich im Gegensatz zum Vorjahr nur wenige mögliche Erzählweisen des Festivals 2026. Was nach Beginn rasch sichtbar wurde, war die Wiederentdeckung der „Tradition“. 2025 hatte Conti noch deutlich mehr auf Kontinuität mit der Amadeus-Ära gesetzt, doch nun war die Rückkehr zu einer traditionelleren Form des Festivals nicht mehr zu übersehen. Wohl auch durch die Widmung an den verstorbenen Pippo Baudo zog sich die (nach Contis Eigenaussage christdemokratische) Tradition durch die Themen der teilnehmenden Lieder, den allgemeinen Kleidungsstil und die Auswahl der eingestreuten „sozialen“ Beiträge.
Dieser allgemeinen Ernsthaftigkeit im Mantel politischer Neutralität hatten auch die anwesenden Komiker wenig entgegenzusetzen. Skandale suchte man auch in Ansätzen vergebens und die politische Einflussnahme nach dem Festival 2023 scheint endgültig ihre Wirkung zu zeigen. Auch wenn dies den Stellenwert der Musik entsprechend stärkt, läuft man damit Gefahr, dass das Festival sukzessive an Profil verliert. Gerade von den Teilnehmenden sollte man sich etwas mehr Mut und Experimentierfreudigkeit erwarten. Auch wenn der neue künstlerische Leiter 2027 sicher einen frischen Blick mitbringen wird, verheißt die offene Kampagne von Regierungsseite für De Martino leider nichts Gutes.
Nach dem ersten Abend des Festivals konnte eigentlich nur Sal Da Vinci dank eines gut komponierten Liedes und einer einstudierten, aber authentisch wirkenden Darbietung die mediale Aufmerksamkeit auf sich vereinen. Nicht zuletzt verkörperte sein die Ehe romantisierendes Lied die traditionellen Werte des Festivals wie kein anderes. Trotz im Vorfeld relativ schlechter Bewertungen durch die Presse schien Per sempre sì überall gut anzukommen. Bald wurde auch vom „Salremo-Festival“ gesprochen und eine mögliche Rache Neapels für den von den Jurys verhinderten Erdrutschsieg Geoliers im Televoting 2024 zeichnete sich ab.



Doch das tatsächliche Ergebnis war am Ende deutlich komplexer zu deuten. Da Vinci gewann denkbar knapp mit nur 0,29 % Vorsprung vor Sayf und verlor in der Endrunde sogar das Televoting. Sayf wäre aus dem Nichts beinahe ein Mahmood-Moment 2019 gelungen, diesmal völlig unerwartet dank des Televotings. Erst durch die Verrechnung der Stimmen aus der Endrunde mit jenen aus den vorherigen Abstimmungen, die Sal Da Vinci dank des bisherigen Televoting-Vorteils anführte, fiel Sayf wieder hinter Da Vinci zurück. Eine Dynamik, die auf jeden Fall beweist, dass mit dem aktuellen Abstimmungssystem jeder Abend zählt.
Letzten Endes holte Sal Da Vinci nach 38 Jahren (!) wieder einen Sanremo-Sieg nach Neapel. Er widmete den Preis ausdrücklich seiner Stadt und gab auch an, ihn mit Geolier teilen zu wollen. Dass Per sempre sì ein ähnlich großer kommerzieller Erfolg wie Balorda nostalgia beschieden sein wird, kann bezweifelt werden, aber das Lied funktioniert und ist jedenfalls ein würdiges Produkt der wiederentdeckten Tradition.
