Sanremo 2026: Das Finale
Das Finale des Sanremo-Festivals 2026 ist zu Ende. Ein Abend mit vielen Höhepunkten und Überraschungen liegt hinter uns. Ein Rückblick.
Das Finale des Sanremo-Festivals 2026 ist zu Ende. Ein Abend mit vielen Höhepunkten und Überraschungen liegt hinter uns. Ein Rückblick.

Der Abend begann untypisch ernst, mit einem kurzen Kommentar von Carlo Conti, Laura Pausini und Giorgia Cardinaletti zu den Entwicklungen im Nahen Osten. Sie betonten die Bedeutung der Arbeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und die Auswirkungen von Konflikten auf Kinder. Conti reflektierte den Gegensatz zwischen der positiven Feierstimmung des Festivals und der angespannten Situation in der Welt. Ein recht kurzer, aber wichtiger Moment, der auch der Einführung der Nachrichtensprecherin Cardinaletti als Komoderatorin diente.
Dann begannen in schneller Abfolge die Auftritte der 30 Teilnehmenden. Hierbei gab es keine besonderen Vorkommnisse, es war aber zu sehen, dass die meisten sich bemühten, noch einmal alles zu geben – sowohl mit Blick auf das Televoting als auch auf das Fantasanremo. J-Ax verteilte Cowboy-Hüte an das ganze Orchester. Gleich zwei Teilnehmer (Sayf und Samurai Jay) holten ihre Mutter aus dem Publikum mit auf die Bühne. Sal Da Vinci nutzte die traditionelle Anwesenheit Mara Veniers dazu, mit ihr seine kurze Tanzeinlage zu absolvieren. Und die meisten Teilnehmenden sprachen nach ihren Auftritten längere Dankesworte.

So verlief der Abend relativ flüssig. Komoderatorin Cardinaletti war professionell, aber blieb eher unauffällig; Nino Frassica hingegen konnte mit seinem absurden Humor einige Lacher produzieren. Der Gastauftritt von Andrea Bocelli wurde gut in den Abend eingefügt. Dass der Sänger auf einem Pferd angeritten kam, sorgte für viel Aufmerksamkeit. Er wurde auch wieder mit einem Preis für sein Lebenswerk ausgezeichnet, genau wie die Band Pooh, die wenig später auf dem Suzuki Stage noch einmal ihr Sanremo-Siegerlied 1990 sang. Im Vergleich mit Bocelli machten die Pooh-Mitglieder stimmlich freilich keine gute Figur.
Ein besonderer Überraschungsmoment war die „offizielle Übergabe“ des Festivals durch Carlo Conti. Der Moderator Stefano De Martino war im Publikum und Conti gab bekannt, dass De Martino künstlerischer Leiter und Moderator des Sanremo-Festivals 2027 sein wird. Darüber war schon länger spekuliert worden, nun ist es offiziell.

Auf der Costa Toscana gab wieder Max Pezzali seine Hits zum Besten, diesmal sehr elegant, und beschloss damit eine gut durchdachte Auftrittsreihe. Sehr spät wurde auch wieder ein ernster Beitrag zu einem sozialen Thema eingefügt. Diesmal ging es um die Prävention von Femiziden, wobei die Namen von in Italien ermordeten Frauen eingeblendet wurden. Der Vater von Giulia Cecchettin, deren Ermordung 2023 in Italien große Empörung ausgelöst hatte, kam auf die Bühne, um von seinen Erfahrungen zu sprechen. Ein sehr bedrückender Moment.
Nachdem alle 30 Teilnehmenden aufgetreten waren, wurde sofort das Televoting geschlossen, ganz ohne den üblichen Schnelldurchlauf. In den kurz darauf verlesenen Plätzen 30–6 gab es einige Überraschungen: Luchè und LDA & Aka 7even verfehlten die Top 10, Serena Brancale kam nicht weiter als Platz 9 und Ditonellapiaga gelang der Einzug in die Endrunde. Nach einem Schnelldurchlauf der verbliebenen fünf Beiträge (neben Ditonellapiaga waren dies Sayf, Sal Da Vinci, Arisa und Fedez & Masini) wurde die Abstimmung wieder eröffnet.
Die Abstimmung für die Endrunde dauerte nur gute 10 Minuten – ein Hitmedley von Laura Pausini –, dann war auch schon die Reihe an der Siegerehrung. Der Kritikerpreis ging an Fulminacci, der Pressepreis an Serena Brancale, jener für den besten Text an Fedez und Marco Masini und der Preis für die beste Komposition an Ditonellapiaga. In der Top 5 der Gesamtwertung fielen Fedez und Masini sofort weg und das Schlussduell sah plötzlich Sal Da Vinci und Sayf gegenüber. Da Vinci konnte mit 0,3 % Vorsprung gewinnen, wobei er aber Sayf im Televoting unterlag. Ein in den Details unerwartetes Ergebnis, das noch genauer analysiert werden muss (wenn die Gesamtdaten veröffentlicht wurden).

Nachdem Laura Pausini Carlo Conti verabschiedet hatte, beschloss Sal Da Vinci sichtlich gerührt das spannende Sanremo-Finale 2026 mit Per sempre sì vor dem begeisterten Saalpublikum.

Sal Da Vinci hat gewonnen.
Und das, obwohl er in den Verkaufszahlen weit abgeschlagen auf Platz 11 lag und sowohl Musik als auch Text sehr schlicht und emotional übersichtlich waren? Und das bei der Ausstrahlung eines Versicherungsvertreters
Zufällig passen Interpret und Lied und Text sehr gut in Melonis Weltbild, oder zumindest, wie sie glaubt, dass die Welt sein soll. Zufall?
Ich halte es da eher mit Renato Zero: „I meloni mi piacciono solo col prosciutto.“
Sayf lag beim Televot 3 % vor Sal Da Vinici. Dann erscheint General Vernacci im Publikum, der sicher nichts mit einem progressiven Sayf anfangen kann.
Sal Da Vinci gibt sich als biederer „kleiner Mann“, der sich gegen die „elitäre, moderne Musikindustrie“ stellt. Und genau das ist er nicht. Er hat 50 Jahre Bühnenerfahrung und hat als Italo-Amerikaner in den USA mit dem Klischee „Familie, Ehre, Ordnung“ viele Millionen gescheffelt. Es ist lediglich klassisches populistisches Storytelling wie bei allen Rechtspopulisten. Schon sein Vater hat es Verstanden, „National-Konservatismus“ mit Hochglanz-Show-Ästhetik zu verbinden.
In Neapel wird wohl gerade gefeiert, dass man „es denen im Norden gezeigt hat“ – während man im Palazzo Chigi (Melonis Amtssitz) sich wahrscheinlich ins Fäustchen lacht, weil man den Süden mit einer sehr schlichten Melodie ruhiggestellt hat, die Loyalität zu „Cinque Stelle“ (wegen des Bürgergeldes) tief erschüttern und auf Familie, Ehre und Vaterland einschwören kann.
Daraufhin habe ich mir gleich mal die Kommentare der „La Repubblica“ angesehen:
„Wir haben nicht einen Sänger gewählt, sondern ein Standbild.
Sal Da Vinci auf dem Thron des Ariston ist das visuelle Symbol der ‚Tele-Meloni‘: Ein Italien, das sich die Haare glatt streicht, die Krawatte richtet und so tut, als wären die letzten 30 Jahre kultureller Entwicklung nie passiert. Es ist der Triumph der ‚ästhetischen Ordnung‘. Während Europa nach vorne blickt, haben wir uns für den Versicherungsvertreter der Nostalgie entschieden.“
„Es ist faszinierend und erschreckend zugleich, wie die Rhetorik des Palazzo Chigi [Amtssitz Melonis] nun das Ariston-Theater besetzt hat. Sal Da Vinci wird als Sieg des ‚einfachen Mannes‘ gegen die ‚linken Eliten‘ verkauft – ein Mann, der seit den 70ern im Geschäft ist und von den mächtigsten Radio-Juries des Landes gepusht wurde. Diese Inszenierung des Opfers, während man gleichzeitig alle Hebel der Macht in den Händen hält, ist das gefährlichste politische Werkzeug unserer Zeit. Man verkauft uns Gehorsam als Rebellion.“
„Man hat dem Süden ein Stück Zucker gegeben, um die bittere Pille der Autonomie-Pläne zu versüßen. Sal Da Vinci ist die ‚Napolitanità‘ im Sonntagsanzug – harmlos, folkloristisch und ohne den schmerzhaften Biss eines Geolier oder der urbanen Jugend. Es ist eine koloniale Sicht auf den Süden: Man lässt sie gewinnen, solange sie das Lied singen, das im bürgerlichen Wohnzimmer niemanden erschreckt. Die Melone wird serviert, aber der Schinken ist diesmal hausgemacht und schmeckt nach autoritärer Tradition.“
Jetzt wird sich mancher denken: Na komm, Sanremo, das ist doch nur ein harmloses Spektakel“.
Nein, das ist es nicht! Ich war schon geschockt, als Laura Pausini in ihr Eröffnungslied häufig von Giorgia Meloni verwendete Schlagworte hineinsprach.
Dieses San Remo war hochpolitisch.
Die Gefahr ist nicht der „große Knall“, sondern die schleichende Banalisierung.
Wenn Musik nicht mehr stören darf, wenn Gefühle nur noch als „Versicherungs-Police“ für den Status Quo verkauft werden, dann verliert die Gesellschaft ihre Fähigkeit, Kritik überhaupt noch zu formulieren.
Man gewöhnt sich an den „netten Herrn im Anzug“, während im Hintergrund die Strukturen (RAI, Gerichte, Kulturräte) so umgebaut werden, dass für das „Andere“ kein Platz mehr ist.
Danke für deinen Beitrag! Dass der Sieg Da Vincis sehr gut in die von Meloni forcierte Rückkehr zur „Tradition“ hineinspielt, habe ich in meiner Schlussbetrachtung ebenfalls ausgeführt: https://sanremo-festival.de/2026/03/01/die-wiederentdeckung-der-tradition-fuehrt-nach-neapel/ Persönlich halte ich Da Vinci und sein Lied für deutlich harmloser als den Beinahe-Sieg von „Italia amore mio“ in Sanremo 2010, aber darüber kann man sicherlich trefflich streiten. Was ich aber korrigieren muss: „von den mächtigsten Radio-Juries des Landes gepusht“ ist Unsinn. Die Radiojurys hatten das Lied im Finale ebenso wie die Pressejury auf dem sechsten Platz, in der Endrunde schließlich auf dem zweiten Platz. Egal wie man es wendet, gewonnen hat er durch das Televoting.
Danke für Deine Wertschätzung.
Nach meinen Quellen lag im Televoting lag Sayf (26.40 %) vorne. (Di Vinci: 23.56%)
Vielen Dank!
Ja, aber in der Endrunde hat Sal Da Vinci ja eben auch nicht gewonnen (da war er nur Dritter!), erst in der Gesamtwertung (in der das Ergebnis der Endrunde nur 50 % zählt). Die Jurys hatten Da Vinci nie vorne, auch wenn diese haltlose Behauptung aktuell immer mal wieder verbreitet wird.